Die Geschichte der Massage
Massage, was ist das?
Massage ist, wie man Berichten entnehmen kann, die älteste Heilmethode der Welt. Das ist eine therapeutische Begriffsbestimmung. Selbstverständlich ist die Massage außerdem eine Dienstleistung, die auch von gesunden Menschen konsumiert werden kann. Gegenstand der Massage ist die Arbeit am Menschen. Ziel ist die Gesunderhaltung oder Gesundwerdung von Körper und/oder Geist.
Geschichte der Massage
Wie entstand die Massage? Franz Kirchberg, der auf diese Frage hin oft zitiert wird, vermutet, es sei davon auszugehen, daß der Reflex, sich instinktiv an eine gestoßene bzw. schmerzende Stelle seines Körpers zu greifen, um durch Druck oder Walkung Schmerzlinderung zu erfahren, den Beginn der manuellen Therapie definiert (frei interpretiert nach Kirchberg: "Handbuch der Massage und Heilgymnastik", 1926). Ergänzend muß man hinzufügen, daß erste zwischenmenschliche Berührungen, welche über die reine Nahrungsaufnahme oder anderer essentieller Kontakte hinausgingen, jedoch eben nicht krankheitsbedingt motiviert waren, mindestens im gleichen Maße als Ursprung der Massage anzusehen sind. Hier wird deutlich, daß das Bedürfnis nach Berührung nicht immer vom Empfänger einer Massage ausgeht, sondern gleichermaßen vom Behandelnden ausgehen kann (mal ganz abgesehen von dem Fall, daß beide Akteure ein und dieselbe Person sein können), wenn er oder sie sich einen Nutzen davon verspricht, z.B. Beruhigung oder seelischen Frieden.
Wo wurden therapeutische Massagen zuerst durchgeführt? Man vermutet, daß die ersten medizinischen Massagebehandlungen in Asien (China) und im Osten Afrikas (Ägypten) durchgeführt wurden. Für Ägypten gibt es Hinweise aus der Zeit des ägyptischen Reichs der sechsten Dynastie um 2300 v. Chr.. Hier wurden auf einen Relief Massageszenen dargestellt. Für China gibt es ungesicherten Quellen zufolge Aufzeichnungen aus der Zeit um 2600 Jahre v. Chr.. Zu diesem Zeitpunkt könnten diese Aufzeichnungen zumindest inhaltlich entstanden sein. In diesen werden u.a. auch Massagen beschrieben. Verantwortlich hierfür soll der Kaiser Huang Di (2698 bis 2589 v. Chr.) gewesen sein. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen werden jene Aufzeichnungen jedoch auf die Zeit zwischen 475 und 221 v. Chr. (Zeit der streitenden Reiche) datiert. Diese Aufzeichnungen heißen "Huang Di Nei Jing" (Kurzform: Nei Jing) und übersetzt "Buch des gelben Kaisers zur inneren Medizin".
Die Bedeutung dieses Werks geht weit über den hier betrachteten Bereich der Massage hinaus. Es gilt als Standardwerk für Krankheit, Prävention und Rehabilitation sowie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) mit ihrer ganzheitlichen Auffassung. Es integriert auch die chinesische Philosophie von Yin und Yang, welche erstmals im "Buch der Wandlungen" (Yi Jing) etwa 700 v. Chr. beschrieben wurden.
Erwähnung findet die Massage als Heilmethode auch in der chinesischen Literatur während der Han- und Tang-Zeit (620 v. Chr.), Zu jener Zeit wurde Massage an medizinischen Schulen unterrichtet und weiterentwickelt. Es wurden bestimmte Stellen am Körper gelehrt, die sensibel auf Krankheiten sowie physiologische oder seelische Dysfunktionen reagieren. Jene Stellen sind unter der Bezeichnung Akupunktur-Punkte heute weltweit bekannt.
Die chinesische Massagekunst verbreitete sch im gesamten ostasiatischen Raum u.a. auch nach Japan und Thailand. Es wurden je nach Region unterschiedliche Vorlieben bzw. Schwerpunkte bezüglich bestimmter Massagetechniken gesetzt und unter Berücksichtigung der regionalen Kultur und Religion weiterentwickelt. So kam beispielsweise ca. 1000 n.Chr. die Massagekunst Chinas nach Japan. Hier wurde sie unter Beibehaltung traditioneller japanischer Heilkunst zur japanischen Massage (Shiatsu) weiterentwickelt. Von Bedeutung sind hier die Meridiane, jene Körper-Energieströme verschiedenen Verlaufs, welche unser Befinden beeinflussen, und zu therapeutischen Zwecken stimuliert werden können. Shiatsu wurde von den japanischen Ärzten als Alternative zur Akupunktur und Kräutermedizin verstanden.
Auch für Massagen mit ätherischen Ölen und Kräutern gibt es frühe Nachweise in der indischen Ayurveda - u.a. 2000 Jahre alte Texte, mit der Beschreibung von aberhunderten nützlichen Aromastoffen, sowie deren spirituellen und gesundheitsfördernden Wirkungen. Die Geschichte der Kräuter und Duftstoffe ist eine eigene, welche hier nicht weiter ausgeführt werden soll. Sie hat jedoch für die Massage insofern Bedeutung, als das sowohl in Indien, als auch in China Öle aus Kräutern vor allem zum Einmassieren verwendet wurden, somit also die Wirkung der Massage unterstützen, mindestens jedoch die Massage als Hilfsmittel zur Verabreichung der wirksamen Öle betrachtet wurde. Die Geschichte der Duftstoffe erhielt für Europa mit dem französischen Arzt und Wissenschaftler René-Maurice Gattefossé und seinem 1937 veröffentlichtem Werk "Aromathérapie" einen bedeutenden Meilenstein. Gattefossé hat wissenschaftlich nachgewiesen, daß die Wirksamkeit der Anwendung ätherischer Öle im naturbelassenen Zustand größer ist als im extrahierten, nur "aktive" Bestandteile beinhaltenden, Zustand.
Hippokrates, ein griechischer Arzt, ist nach herrschender Meinung derjenige, der die Massage nach Europa einführte. Er lebte von 460 - 375 v.Chr. und soll Gladiatoren behandelt und die Wirkungen der Massage an ihnen studiert haben. Hippokrates schrieb seine Erkenntnisse als Leitfaden, wie und wann Massagen anzuwenden seien auf.
Die Römer pflegten eine hoch entwickelte Bäderkultur, wobei hier die Heilkraft von Quellen im Mittelpunkt stand. Jedoch waren den Bädern Räumlichkeiten angegliedert, in denen Massagen und Salbungen durchgeführt wurden. Hierbei setzten die römischen Ärzte auf griechisches Medizinwissen und bauten darauf auf. So propagierte der römische Arzt Asklepiades ca. 150 v.Chr. die "Massagehydrotherapie" als Schlankheitskur. Galenus, römischer Arzt (129-199), beschäftigte sich ebenfalls lange mit der Massage und schrieb Abhandlungen über spezifische Massagebehandlungen für bzw. gegen bestimmte einzelne Erkrankungen.
Das Wissen und Interesse an Bäderkultur und zugehöriger Massage erlebte in den folgenden Jahrhunderten ein Auf und Ab. Zur Zeit der Völkerwanderung (375 - 911 n.Chr.) kommt die römische Bäderkultur zum Erliegen, um im 14. Jahrhundert ein kurze Renaissance zu erleben. Im 15. Jahrhundert verschwand sie wieder, was möglicherweise durch ansteckungsfördernde Gegebenheiten der Prostition mit verursacht wurde.
Die Kunst der Massage geht dem Wissensschatz der westlichen Medizin in den Folgejahren weitgehend verloren. Erst im 16.Jh. hielt mit Paracelsus das Thema Massage wieder Einzug in die Medizin. Paracelsus war Alchimist und Arzt und lebte von 1493 - 1541. Mit seinen Positionen stand er zu seiner Zeit jedoch noch recht isoliert da. Erst mit dem Franzosen Ambroise Paré (1510 - 1590) gelang es die Massage als Therapieform in der westlichen Medizin zu etablieren, zunächst als Rehabilitationsmaßnahme nach Operationen.
In Tahiti entwickelte sich ebenfalls ein Massagewissen. Hinweise hierauf gibt das Logbuch der dritten Weltreise des britischen Seefahrers und Entdeckers James Cook (1728 - 1779). Hierin geht hervor, daß er aufgrund einer Erkrankung sich von mehreren tahitianischen Frauen massieren ließ.
1798 unternahmen Bonapartes Armeen ihre ägyptischen Feldzüge. Mit ihrer Rückkehr (re)importierten sie aus türkischen Bädern eine Behandlungsform, welche ihnen bis dahin weitgehend unbekannt war. Sie wurde "Massement" benannt.
Die Anwendungen die heute als klassische oder schwedische Massage bekannt sind werden auf Pehr Henrik Ling (1776 - 1836) zurückgeführt, dem Begründer der so genannten "Schwedische Epoche" auf dem Gebiet der manuellen Therapie. Ling war zunächst als Gymnastik- und Fechtlehrer tätig und gründete dann im Jahre 1813 das Zentralinstitut für Heilgymnastik und Massage in Stockholm. Er lehrte dort seine Auffassungen von Massage und Gymnastik. Er systematisierte die bekannten Massagegriffe und beschrieb ihre Abfolge und den gezielten Einsatz bei der Massage. Die von ihm entwickelten Handgriffe wurden als "Reiben, Drücken, Walken, Hacken und Kneipen" bezeichnet.
Ebenfalls maßgeblich beteiligt an der Weiterentwicklung der klassischen Massage war der holländische Arzt Johann Georg Metzger (1839-1901). Er lehrte die Massage nach Ling schulmäßig in Amsterdam. Die Bedeutung Metzgers für die heutige Massage war nicht unerheblich. Durch seine Arbeit in Amsterdam wurde der Massage das Tor zur Wissenschaft und zur Medizin geöffnet. Ihre Wirkung konnte von da an nicht mehr geleugnet werden.
Die Technik der schwedischen Massage wurde von den Amerikanern übernommen. Der Berliner Orthopäde Albert Hoffa (1859-1907), erlernte sie von den Amerikanern und führte sie Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein. Hoffa überarbeitete die schwedische Massage und veröffentlichte sie in dem Lehrbuch "Technik der Massage" (1893). Die französichen Bezeichnungen wurden beibehalten, die Anzahl der Hauptgriffe jedoch auf fünf reduziert. Hoffa kombinierte die Massage mit Gelenkübungen.
Sir Henry Head, Neurologe (1861 -1940) und Sir Stephen Mackenzie, Chirug (1844 - 1909) markierten eine wichtige Weiterentwicklung der Massage in der westlichen Medizin. Sie entdeckten die Bedeutung der kuti-viszeralen Reflexbögen (Head 1889, Mackenzie 1917) und begründeten die Reflexzonentherapie. Die Reflexbögen bezeichnen eine neuronale Verbindung zwischen einem Organ A (ein Hautareal), dem zentralem Nervensystem und einem Organ B (z.B. ein inneres Organ). Damit eröffneten sich vollkommen neue Möglichkeiten der Behandlung "entfernter" Organe durch Stimulierung der zugehörigen greifbaren ("nahen") Organe.
Auf dem Prinzip der Reflexbögen aufbauend entwickelten Elisabeth Dicke (1884 - 1952, Physiotherapeutin), Hede Teirich-Leube und Prof. Wolfgang Kohlrausch die Bindegewebsmassage und Dr. Paul Vogler die Periost(Knochenhaut)massage. Vogler erfand ebenfalls die Kolon(Darm)massage, welche dem klassischen Wirkungsprinzip (Siehe Menüpunkt Massagearten !) folgt.
Dr. Emil Vodder und Estrid Vodder entwickelten zwischen 1932 und 1936 die Manuelle Lymphdrainage, als Form der Streichmassage zur Beseitigung von Lymphstauungen, welche ebenfalls dem klassischen Wirkungsprinzip folgt.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts gibt es weltweit einen regelrechten Massage-Boom. Heutzutage obliegen die therapeutischen Massagen nicht mehr länger allein den Ärzten, sondern werden i.d.R. von Masseuren/Masseurinnen bzw. von Physiotherapeuten/Physiotherapeutinnen ausgeführt. In Europa gibt es inzwischen in fast jedem Staat eine entsprechende Ausbildung, die den Schutz des Gesetzes insbesondere bzgl. des Namensschutzes und des Arbeitens auf Rezept genießt.
Hinzu kommt der (semi-)professionelle Bereich der gewerblichen Massagepraktiker deren Kunden sich aus den "Gesunden", den "Angeschlagenen-aber-nicht-weiter-krank-werden-wollenden" und den "Krank-aber-aus-Kostengünden-gesund-definierten" Menschen und Selbstzahlern rekrutieren, die gern Massage-Leistungen zum Zwecke der Erhohlung und Prävention in Anspruch nehmen wollen.
Allerdings ist die Massage auch als alltägliche Entspannungsmethode für zu Hause anerkannt. Mit etwas Massegeöl (erhältlich in allen Drogeriemärkten und Apotheken) kann sich jeder als Masseur versuchen oder selbst in den Genuss einer Entspannungsbehandlung kommen.
In den letzten Jahren erleben die Traditionen der östlichen Massagetechniken eine Renaissance, die sich auch langsam bei uns verbreitet. Dabei verbindet sich das östliche Gedankengut mit dem Wissen um ganzheitliche Zusammenhänge und der modernen westlichen Medizin. Durch den Erfahrungsschatz aus den verschiedenen Schulen lässt sich heute eine Vielzahl von verschiedenen Techniken miteinander kombinieren und optimieren. Dementsprechend wird heute auch eine Vielzahl von Behandlungsmethoden mit verschiedenen philosophischen Grundlagen aus allen Teilen der Welt angeboten.
